Lesen gegen den Krieg

Mit den Menschen in der Ukraine sind wir solidarisch – und müssen doch vor allem zuschauen, wie sie imperialer Gewalt ausgesetzt sind und wie sie sich dieser Gewalt widersetzen. Was immer wir konkret tun (und wir können einiges tun), wir stecken in einer tiefen Ohnmacht.
Vielleicht greifen einige von uns in dieser Situation zu einem besonderen Buch – und lesen im Krieg und lesen »gegen« diesen Krieg. Vielleicht ist es ein Buch, das unsere Gefühle und unsere Gedanken gut ins Wort bringt. Oder ein Buch, das uns die aktuelle Situation und ihre Hintergründe erklärt und wenigstens ein wenig verständlich macht. Oder ein Buch, das uns einfach nur hilft, die aktuelle Situation, unsere Ohnmacht und unsere Ängste auszuhalten.
Gastl-Genoss:innen tauschen sich über die Bücher aus, die sie in diesem Krieg und gegen diesen Krieg, die sie in Solidarität mit den Menschen in der Ukraine und mit ihrem postsowjetischen Land lesen.

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Natascha Wodin: „Sie kam aus Mariupol“ und „Nastjas Tränen“

Seit Tagen häufen sich die Schreckensnachrichten aus der ukrainischen Hafenstadt Mariupol. Die Stadt ist auch die Heimat der Mutter der Schriftstellerin Natascha Wodin, die in „Sie kam aus Mariupol“ versucht, das Leben ihrer früh verstorbenen Mutter nachzuvollziehen. Fesselnd und klar wird die Biographie einer von Millionen Zwangsarbeiter:innen beschrieben, die unter NS-Besatzung rekrutiert wurden. Damit leistet die Erzählung einen Beitrag zum gesellschaftlichen Wissen über das Schicksal dieser Menschen.
Das Buch „Nastjas Tränen“ wurde bereits im Gastl-Adventskalender empfohlen: Im Berlin der Neunziger ist Nastja Putzkraft bei der Autorin Natascha Wodin, die beiden entwickeln eine freundschaftliche Beziehung. Auch wir Leser:innen lernen die gesellige, gebildete Nastjakennen und ihre Situation als Ukrainerin, die ohne Aufenthaltsgenehmigung und ohne Kontakt zu ihrer Tochter in Berlin lebt. Ein schlicht geschriebenes, gewaltiges und absolut empfehlenswertes Buch.

AG, 20.03.2022

Die Bücher im Webshop der Buchhandlung Gastl:
„Sie kam aus Mariupol“ , „Nastjas Tränen“

Kira Jarmysch: „Dafuq“

„Dafuq“ ist der Debutroman von Kira Jarmysch, Mitarbeiterin und Pressesprecherin von Alexej Nawalnyj.

Die Erzählung handelt von der 28-jährigen Anja, die zu einer zehntägigen Haftstrafe verurteilt wurde, nachdem sie zu einer Demonstration gegen Korruption aufgerufen hatte.
Mit der politschen Gefangenen Anja, den aufgrund diverser Ordnungswidrigkeiten inhaftierten Mitgefangenen und den Mitarbeiter:innen des Gefängnisses und des Gerichts stellen sich uns verschiedene Gesichter des heutigen Russlands dar.

Achtung: In der direkten Rede werden im Buch rassistische Wörter verwendet, leider auch ohne Kommentar durch die Übersetzung.

AG, 12.03.2022

Das Buch im Webshop der Buchhandlung Gastl

Swetlana Aleksijewitsch: „Second-Hand-Zeit“ und weitere Bücher

Die belarusische Schriftstellerin Swetlana Aleksijewitsch ist Literaturnobelpreisträgerin 2015.
Ihre Bücher bestehen aus Interviews und sind empathische Chroniken der Zeitgeschichte: In „Second-Hand-Zeit“  berichten die Befragten davon, wie sie den Zerfall der Sowjetunion und die Zeit danach erlebt haben. Für mich war dieses Buch die beste Möglichkeit, ein Gespür für die Tragweite dieses Ereignisses im heutigen postsowjetischen Raum zu bekommen.

In „Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft“ berichten Überlebende der Nuklearkatastrophe in Tschernobyl. In „Die letzten Zeugen“ erzählen Menschen, die den Einmarsch der Deutschen in die Gebiete der Belarusischen Sowjetrepublik und den Zweiten Weltkrieg als Kinder erlebt haben. „Zinkjungen“  handelt vom Afghanistankrieg. Diese und alle weiteren Bücher von Swetlana Aleksijewitsch sind allen Leser:innen, die sich für (post-)sowjetische Geschichte und gleichzeitig für das Leben der Menschen interessieren, nur zu empfehlen.

Swetlana Alexijewitsch ist Teil der belarusischen Opposition und spricht sich deutlich gegen den russischen Angriff auf die Ukraine aus.

AG, 12.03.2022

Bücher im Webshop der Buchhandlung Gastl:
„Second-Hand-Zeit“ „Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft“  „Zinkjungen“  „Die letzten Zeugen“

Vladimir Sorokin »Die rote Pyramide«

Gestern Abend hat der russische Außenminister Sergej Lawrow  der staunenden Weltöffentlichkeit verkündigt, dass »wir die Ukraine nicht angegriffen haben«. Angesichts der Bilder aus der Ukraine kann man das kaum aushalten. Es ist ja nicht mehr nur das propagandistische Narrativ von der »militärischen Operation« und auch nicht nur der Ausdruck offenkundiger Machtlosigkeit dieses Außenministers, der im Kreml-Regime nichts mehr zu sagen hat. Es ist surreal – gegenüber einer Realität der Gewalt und des Schreckens.

Zurzeit lese ich von Vladimir Sorokin »Die rote Pyramide« und andere Erzählungen (Kiepenheuer & Wisch 2022). Vladimir Sorokin (geb. 1955) ist russischer Schriftsteller und Dramatiker – und schon seit vielen Jahren in der Opposition zum Putin-Regime und seit Beginn des Angriffskrieges gegen die Ukraine Gegner dieser Invasion. Bereits am 26.02. veröffentlichte die Süddeutsche Zeitung von ihm den Artikel »Putin ist geliefert« (Link: https://www.sueddeutsche.de/kultur/wladimir-sorokin-gastbeitrag-putin-1.5536912). Darin schreibt er: »›Unter Putin hat sich Russland von den Knien erhoben!‹, hört man seine Anhänger gern sagen. Sollte sich Russland tatsächlich von den Knien erhoben haben, so beliebte jemand zu scherzen, dann war es jedenfalls schnell wieder auf allen vieren, geknechtet von Korruption, Autoritarismus, Behördenwillkür, Elend. – Und Krieg, darf man jetzt hinzufügen.«

In seinen Erzählungen bringt Vladimir Sorokin die Surrealität ins Bild, der wir gestern Abend ansichtig wurden. Zum Beispiel in der Erzählung »Der Fingernagel« (aus dem Jahr 2018). Darin zerstreitet sich eine abendliche Gesellschaft (Es gibt Zander im Blätterteig, Saziwi sowie Wallnustorte und Schokoküsse. Getrunken wird süßer Sekt, Starka und Tvishi.) über die Frage, ob es zur Hygiene gehört, Klopapier zu haben und zu nutzen. Die Gastgeberin jedenfalls hat kein Klopapier im Haus und hält dies für überflüssig. Ihren Gästen empfiehlt sie: »Dann nehmen Sie halt die Finger.« Über diese Frage gerät man in einen heftigen Streit. »›Einigt euch friedlich, sonst einigen wir euch mit Gewalt‹, rief Herr Semjonow«, einer der Gäste. Das Ganze ist schräg und die Kontroverse noch schräger. Surreal ist die Situation – und deswegen voller Aggression mit hohem Eskalationspotential.

Bietet diese Erzählung einen realistischen Blick in die gegenwärtige russische Gesellschaft, dann stehen in diesem Land »alle gegen alle« in wechselseitig surrealen Welten. Dass sich in diesem Land Aggressionen aufstauen, wäre dann hochplausibel – und ebenso plausibel, dass sich diese Aggression nun nach außen gegen das »Brudervolk« in der Ukraine richtet. Dass dort Menschenleben und Lebensorte vernichtet werden, ist dann ebenso (un-)wichtig, wie die Frage, ob man Klopapier braucht, um den »Poloch« sauber zu halten.

Wenn das aber so wäre, dann wäre dieser Angriffskrieg wohl nicht Putins Krieg, nicht der Krieg eines einsamen und verrückten oder einen Verrückten spielenden Diktators, wie man gemeinhin sagt. Dann wäre dieser Krieg wohl doch das kollektive Projekt der in Russland lebenden Menschen, die nicht anders zusammen leben können, als ihre Aggressionen gewalttätig nach außen zu wenden. Mit solchen Gedanken im Kopf kann man die Erzählungen von Vladimir Sorokin einfach nicht lustig finden. Es gibt kein befreiendes Lachen. Und dies wird vom Autor auch nicht intendiert.

MMH, 11.03.2022

Link auf das Buch im Webshop der Buchhandlung Gastl.
Verlagshinweise
Rezension in der TAZ von Norma Schneider (»Die große russische Leere«)

Für alle Tage

Ich finde „„Lesen gegen den Krieg““ eine wunderbare Idee und beteilige mich gern. Mein Buch ist:

Lew Tolstoi, Für alle Tage: Ein Lebensbuch
C.H. Beck 2021, 760 Seiten, ISBN 978340676753

In der aktuellen Zeit finde ich es wichtig, russische Autoren und Künstler zu Wort kommen zu lassen und uns auf „die Guten“ zu konzentrieren.

In den letzten zwei Wochen ist mir das Buch „„Für alle Tage: Ein Lebensbuch““ von Lew Tolstoi wichtig geworden. Tolstoi war ein radikaler Christ und Pazifist, der sich deutlich gegen Krieg  ausgesprochen hat. In seinem letzten Jahrzehnt schuf er dieses Werk, das das Leben selbst behandelt. In diesem Lebensbuch stellt Tolstoi die Fragen des Lebens und versucht Antworten. Was bedeutet bedingungslose Nächstenliebe? Wie können wir die Kluft zwischen Arm und Reich überwinden? Wie können wir Krieg verhindern?

Lew Tolstoi zitiert bekannte Philosophen wie Platon, Nietzsche, Schoppenhauer und Gandhi. Er  bereitet alle Zitate, Reflexionen und Erzählungen auf und hat eine Lektüre für jeden Tag des Jahres zusammengestellt. Es lässt einen nachdenken, gibt einem Impulse und vor allem auch Mut in der angespannten Zeit. Eine Schatztruhe für jeden Tag und in der eindrucksvollen Ausgabe des C.H. Beck Verlages auch ein Schmuckstück in jeder Bibliothek.

HM, 09.03.2022

Zu dem Buch im Webshop der Buchhandlung Gastl:
Verlagshinweise

Raskolnikow und Putin

Als Putin seine „militärische Spezialoperation“ gegen die Ukraine startet, lese ich zufällig „Verbrechen und Strafe“ von Dostojewski.

Fjodor Dostojewskij: Verbrechen und Strafe . Roman in der Neuübersetzung von Swetlana Geier. Frankfurt am Main: Fischer, 2019.

Wie kann ein Mensch wie Putin einen derartigen brutalen Krieg beginnen? Was für ein Denken und welche Mentalität stecken dahinter?

Bei der Lektüre von Dostojewski sind mir dann ein paar überraschende sprachliche Ähnlichkeiten aufgefallen. Putin beklagt zum Beispiel, dass Russland vom Westen fremde Werte aufgezwungen werden, die zu einem Niedergang führen, da sie der Natur des Menschen widersprechen. Auch in dem Roman lässt Dostojewski keinen Zweifel, dass er den beschriebenen maroden gesellschaftlichen Zustand Russlands Mitte des 19. Jahrhunderts auf schlechte Einflüsse aus dem Westen zurückführt (vor allem die Deutschen kommen bei ihm grundsätzlich nicht gut weg und die Ideen der Frühsozialisten wie Fourier waren ihm ein Graus). Dostojewski selbst war Nationalist und machte keinen Hehl daraus, dass am russischen Wesen Europa genesen könnte. Raskolnikow begeht zwei Morde aufgrund seiner Theorie bzw.Ideologie, dass es zwei Klassen von Menschen gäbe, von denen die außergewöhnlichen als Übermenschen die Gesetze für die gewöhnlichen Menschen machen, aber selbst über den Regeln und Gesetzen stehen: “Die Außergewöhnlichen haben das Recht, jedes Verbrechen zu begehen und das Gesetz auf jede Weise zu übertreten.“ An vielen Stellen des Romans kam mir der Gedanke, dass ein Stück Raskolnikow auch in Putin steckt, der sich im Recht sieht, mit Gewalt russische Erde zurückzugewinnen und damit den westlichen Einflüssen zu trotzen.

SB, 9.3.2022

Zu den verschiedenen Ausgaben des Buchs im Webshop der Buchhandlung Gastl

Gedankendach

Ich möchte auf auf das Zentrum „Gedankendach“ an der Universität Czernowitz hinweisen. Dessen Mitbegründerin und Leiterin Oxana Matiychuk schreibt ein Ukrainisches Tagebuch in der Süddeutschen Zeitung. Heute morgen hat der Deutschlandfunk ein Interview mit ihr gesendet.

Ukrainisches Tagebuch (VII): Wir sehen uns bestimmt bald wieder – Kultur – SZ.de (sueddeutsche.de)

Überwältigt von Solidarität und Hilfsbereitschaft der Welt (deutschlandfunk.de)

Meine Lesetipps zur Situation in der Ostukraine und an der Kontaktlinie im Donbass seit 2014:

Serhij Zhadan: Internat, Suhrkamp 2018
Der Lehrer Pascha bricht auf, um seinen Neffen aus dem Internat am anderen Ende der Stadt im Donbass abzuholen. Die beiden geraten in unmittelbare Nähe von Gefechten.

Andrej Kurkow: Graue Bienen. Diogenes 2019, TB-Ausgabe 2021
Der Bienenzüchter Sergej lebt im Donbass. Ihn interessiert nur das Wohlergehen seiner Bienen und doch ist sein Leben bestimmt vom schwelenden Krieg zwischen ukrainischen Kämpfern und Separatisten.

IG, 09.03.2022

Zu den Büchern im Webshop der Buchhandlung Gastl:
Serhij Zhadan: Internat
Andrej Kurkow: Graue Bienen

Auf dem Fluchtweg des Vaters

Unverhofft mit 2 Tagen Quarantäne aufgrund eines falsch-positiven Schnelltests beschenkt, landete ich in diesem Buch:

„Alles was wir nicht erinnern. Zu Fuß auf dem Fluchtweg meines Vaters.“ von Christiane Hoffmann, 2022, C.H. Beck ISBN 9783406784934

… und wanderte mit der ehemaligen Moskau-Korrespondentin der FAZ, Christiane Hoffmann, und zwar zu Fuß. So schreibt sie immer wieder: „Zu Fuß? Zu Fuß. Allein? Allein.“ Die ganzen 550 km Fluchtweg wandert die 1967 Geborene heute nach, den ihr Vater, damals 9 Jahre alt, 1945 mit seiner Familie gegangen war. Von Schlesien nach Deutschland.

Sie ist allein und doch nicht allein. Denn wir wandern ja mit. Und ihre Schreibfeder wandert mit. Und die Figuren, die sie erfindet, wie auch die Erinnerungen, die sie herausholt, zusammenbeschwört. Den 9-jährigen Jungen, der immer wieder des Wegs kommt und mit dem sie das Brot teilt. Notizen der Tante Gerda, die mit im Treck war und jeden Ort beschrieben hat und dann tauchen auch immer wieder reale Menschen auf aus dem Heute. Die sie willkommen heißen, die ihr Nachtlager geben, die ihre Geschichten erzählen, die nicht über Politik reden wollen und dann doch politisieren. Manchmal gegen Russland, manchmal gegen Juden und nie gegen Deutschland. Vielleicht der Zuhörerin zuliebe. Man erfährt, dass Vertreibung der einen durch Vertreibung der anderen bedingt war. Dass jede und jeder seine Heimat verloren hat, dass es sie hier für keinen mehr gibt so recht, wenn ein Krieg alle Grenzen verschoben hat und hernach umgesiedelt wurde auf den Landkarten der Politiker.

Wir wandern mit und merken, wie die Hoffnung mit jedem Schritt weniger wird. Ist man erst wohl nur für drei Tage fort, man will ja die Kühe noch einmal melken, verliert man auf dem Weg den lahmen Onkel, dann die altersschwache Oma und am Ende die Hoffnung. Danach hat der Junge nur noch die Mutter, die unter Tage arbeiten geht.

Der Junge wird sich nie mehr erinnern an die Zeit davor. Ein Radiergummi löscht alles aus. Der Radiergummi des Traumas.

Die Tochter des 9-jährigen Jungen geht seinen Weg, schreibt dieses Buch und versucht ihm die Erinnerung wiederzugeben mit diesem Buch.

Ein herzzerreißendes Buch, geschrieben für alle, die Flucht kennen, durch eigenes Erleben oder durch das Erbe ihrer Väter und Mütter. Geschrieben aber auch für alle, die nicht verstehen, was Flucht mit den Menschen macht. Was es macht, wenn man fortmuss von einem Tag auf den andern, weil Gefahr droht für Leib und Leben. Weil ein Krieg einen zwingt. Weil die Politik einen zwingt. Was man unwiederbringlich verliert. Die Kindheit, die Jugend, die Freude, die Heimat. Gestern waren es wir, heute sind es die Menschen aus der Ukraine.

EE, 09.03.2022

Link zum Buchtitel im Webshop der Buchhandlung Gastl:
Alles was wir nicht erinnern. Zu Fuß auf dem Fluchtweg meines Vaters.
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